CI/CD-Pipelines: Der Schlüssel zu skalierbarer Softwareentwicklung

Interview mit Percy Covic, Software-Engineering-Experte bei ALTEN

In einer Zeit, in der Software schneller, sicherer und zuverlässiger bereitgestellt werden muss als je zuvor, sind moderne CI/CD-Pipelines längst kein optionales Werkzeug mehr. Sie bilden das Rückgrat einer effizienten Softwareentwicklung und ermöglichen Unternehmen, Qualität, Security und Compliance kontinuierlich in ihre Entwicklungsprozesse zu integrieren.

Doch viele Unternehmen stehen vor der Herausforderung, historisch gewachsene Build- und Deployment-Prozesse zu modernisieren, ohne bestehende Abläufe zu gefährden. Wie dieser Spagat gelingt, zeigt das Projekt von ALTEN bei einem der größten Softwarehäuser Europas. Im Gespräch gibt Percy Covic, Software-Engineering-Experte bei ALTEN, Einblicke in die erfolgreiche Transformation einer komplexen CI/CD-Landschaft und erklärt, warum standardisierte Plattformen künftig eine Schlüsselrolle in der Softwareentwicklung spielen werden.

CI/CD-Pipelines sind heute ein zentraler Bestandteil moderner Softwareentwicklung. Warum sollten Unternehmen in automatisierte Build-, Test- und Deployment-Prozesse investieren?

Automatisierung schafft vor allem Verlässlichkeit. Moderne Softwareentwicklung muss reproduzierbar, schnell und sicher sein. Automatisierte Builds, Tests, Security-Prüfungen und Deployments reduzieren manuelle Fehler erheblich und sorgen dafür, dass Qualität nicht von einzelnen Personen oder manuellen Checklisten abhängt. Gerade in größeren Organisationen mit vielen Teams und Anwendungen zeigt sich schnell, dass individuell entwickelte Prozesse nicht mehr effizient skalieren.

Standardisierte CI/CD-Pipelines schaffen hier einen klaren Mehrwert: Sie etablieren zentrale Best Practices, reduzieren Komplexität für Entwicklungsteams und sorgen für eine einheitliche Qualität über Projekte hinweg. Unser Ziel bei ALTEN ist dabei nie ausschließlich eine höhere Geschwindigkeit. Entscheidend ist ein verlässlicher Softwarelieferprozess, der Qualität, Security und Compliance von Anfang an mitdenkt.

Mit welcher Ausgangssituation ist unser Kunde auf euch zugekommen, und welche Rolle sollten CI/CD-Pipelines bei der Lösung spielen?

Unser Kunde verfügte über eine historisch gewachsene Jenkins-Landschaft, die auf umfangreichen Groovy-Skripten basierte. Diese Lösung hatte sich über Jahre entwickelt und erfüllte ihre Aufgabe, brachte jedoch eine entsprechende Komplexität mit sich.

Unsere Aufgabe bestand darin, die bestehende Funktionalität schrittweise in moderne GitHub Actions zu überführen. Dabei war es besonders wichtig, die etablierten Prozesse zuverlässig abzubilden und gleichzeitig den Entwicklerteams einen möglichst reibungslosen Technologiewechsel zu ermöglichen.

Im Verlauf des Projekts haben wir die Actions konsequent vereinheitlicht und vereinfacht, sodass standardisierte Bausteine mit einer konsistenten User experience entstanden. Die größte Herausforderung bestand darin, die bewährten Funktionen zu erhalten, ohne die historisch gewachsene Komplexität einfach in die neue Plattform zu übertragen. Genau darin lag der eigentliche Mehrwert der Modernisierung: Die neue CI/CD-Landschaft war nicht nur das technische Ziel, sondern selbst ein wesentlicher Bestandteil der Lösung.

Wie wurde die CI/CD-Pipeline bei diesem Projekt aufgebaut, und welche technischen Anforderungen standen im Fokus?

Die technische Basis bilden wiederverwendbare GitHub Actions mit klar definierten Aufgabenbereichen. Dazu gehören beispielsweise Build-Prozesse, Security- und Quality-Scans, Artifact-Deployments sowie Deployments in unterschiedliche Laufzeitumgebungen.

Darüber hinaus haben wir eine vorkonfigurierte „80-Prozent-Lösung“ entwickelt. Typische CI/CD-Prozesse sind bereits in standardisierten Workflow-Dateien abgebildet, sodass Teams mit einem weitgehend fertigen Setup starten können und nur noch projektspezifische Anpassungen vornehmen müssen.

Ein wesentlicher Erfolgsfaktor war die klare Trennung zwischen flexibel einsetzbaren Komponenten und standardisierten Workflows. Gleichzeitig wurden Themen wie Versionierung, automatisiertes Testing und Abwärtskompatibilität von Anfang an berücksichtigt.

Welche konkreten Vorteile konnte man durch die Optimierung der CI/CD-Pipeline erzielen?

Der größte Vorteil liegt in der Standardisierung. Prozesse werden einmal zentral entwickelt, getestet und gepflegt, anstatt sie in jedem Projekt erneut aufzubauen. Dadurch sinkt der Entwicklungsaufwand erheblich und die Qualität wird über verschiedene Projekte hinweg konsistenter.

Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Wartbarkeit. Die frühere Jenkins-Lösung bestand teilweise aus Groovy-Dateien mit mehreren Tausend Zeilen Code. Durch die Aufteilung in kleinere, klar definierte GitHub Actions können Anpassungen heute deutlich gezielter umgesetzt werden.

Auch Security-Scans oder Deployment-Prozesse lassen sich zentral aktualisieren. Änderungen müssen nicht mehr an zahlreichen Stellen vorgenommen werden, sondern können über gemeinsame Komponenten ausgerollt werden. Schlussendlich führt die Automatisierung zu besser nachvollziehbaren, reproduzierbaren Releases und reduziert gleichzeitig die Fehleranfälligkeit manueller Prozesse.

Welche Herausforderungen sind euch im Verlauf des Projekts begegnet, und welche Erkenntnisse können andere Unternehmen daraus mitnehmen?

Die größte Herausforderung war die richtige Balance zwischen Standardisierung und Flexibilität. Zu viele Freiheiten führen häufig zu neuen Sonderlösungen und damit zu neuer Komplexität. Zu starre Standards hingegen werden den Anforderungen einzelner Anwendungen nicht gerecht. Erfolgreiche Plattformen schaffen deshalb sinnvolle Standards und bieten gleichzeitig kontrollierte Erweiterungsmöglichkeiten.

Ein weiteres wichtiges Learning ist, dass CI/CD-Plattformen als eigenständige Produkte betrachtet werden sollten. Dazu gehören automatisierte Tests, klare Schnittstellen, Versionsmanagement, Dokumentation und definierte Upgrade-Pfade. Mindestens genauso wichtig ist jedoch die Akzeptanz der Entwickler. Die beste technische Lösung entfaltet nur dann ihren Nutzen, wenn Teams sie verstehen und gerne einsetzen. Deshalb spielen Enablement, Dokumentation und Unterstützung bei der Einführung eine zentrale Rolle.

Woran erkennen Unternehmen, dass ihre bestehenden Prozesse modernisiert werden sollten?

Ein typisches Warnsignal ist, wenn verschiedene Teams dieselben CI/CD-Probleme mehrfach unabhängig voneinander lösen. Wenn für Deployments, Security-Scans oder Release-Prozesse in jedem Repository eigene Implementierungen entstehen, wachsen Aufwand und Komplexität schnell an. Gleichzeitig entstehen unterschiedliche Standards, die langfristig schwer zu kontrollieren sind.

Ein weiteres klares Indiz ist, wenn Releases nur von einzelnen Spezialisten durchgeführt werden können. Softwarebereitstellung sollte reproduzierbar sein und nicht von implizitem Wissen einzelner Personen abhängen.

Sobald Entwicklungsteams mehr Zeit in die Pflege ihrer Pipeline investieren als in die eigentliche Produktentwicklung, lohnt sich der Aufbau zentraler Plattformkomponenten und wiederverwendbarer Workflows.

Welche Rolle spielen Cloud, DevOps, Security und Compliance heute bei modernen Pipelines?

Diese Themen sind heute untrennbar miteinander verbunden. Eine moderne Pipeline bildet idealerweise den gesamten Weg vom Commit bis zum produktiven Deployment ab. Dazu gehören Infrastructure as Code, Security-Scans, Quality Gates, Artifact Management, Freigabeprozesse und automatisierte Deployments.

Insbesondere in regulierten Umgebungen müssen Security und Compliance frühzeitig in den Entwicklungsprozess integriert werden. DevSecOps etabliert Security als integralen Bestandteil des Entwickler-Workflows. Standardisierte „Golden Paths“ helfen dabei, Compliance-Anforderungen technisch abzubilden und gleichzeitig die Komplexität für Entwicklungsteams zu reduzieren.

Wie werden sich CI/CD-Pipelines in den kommenden Jahren weiterentwickeln?

Wir beobachten bereits heute eine deutliche Verschiebung vom klassischen Pipeline-Gedanken hin zu Internal Developer Platforms und Platform Engineering. Entwickler werden künftig immer seltener einzelne Pipeline-Schritte selbst konfigurieren müssen. Stattdessen stellen Plattformen standardisierte Entwicklungs- und Deployment-Pfade bereit und integrieren Infrastruktur, Security, Observability und Governance direkt in die Prozesse.

Auch Künstliche Intelligenz wird zunehmend unterstützen, beispielsweise bei der Fehleranalyse, der Auswertung von Logs oder der Optimierung von Pipelines. Darüber hinaus gewinnen Themen wie Software Supply Chain Security und Policy as Code weiter an Bedeutung. Langfristig entwickeln sich CI/CD-Pipelines von reinen Automatisierungslösungen zu einer zentralen Steuerungs- und Governance-Schicht moderner Softwareentwicklung.